...loading!
button lev
button lev
button lev
button lev
button lev
button lev
  Wäschereitechnik

26.11.2014

Niedertemperaturwaschverfahren -
Sinnvoll oder Sparen am falschen Ende

Aus den alten Zeiten kennen wir alle noch die Devise der professionellen Wäscherei: „Je heißer desto weißer". Damals wurde die Sauberkeit, aber auch die Hygiene mit hohen Waschtemperaturen in Verbindung gebracht. Niedrige Waschtemperaturen waren nur für empfindliche Textilien, die aus Wolle, Viskose oder Seide bestanden, bekannt.

Mittlerweile hat sich aber die Verfahrenstechnik deutlich verändert und der Trend geht hin zu niedrigen Waschtemperaturen. Ausschlaggebend für diese Entwicklung waren zum einen die stetig steigenden Energiekosten, zum anderen aber auch die Entwicklung neuer, innovativer Wäschereihilfsmitteln.

Gerade diese Entwicklung machte es überhaupt erst möglich, die Waschtemperaturen deutlich zu senken. Schauen wir in andere Länder, dann ist die Behandlung von Wäsche bei niedrigen Temperaturen keine neue Erfindung. In den Vereinigten Staaten verfügen viele Haushaltswaschmaschinen nicht einmal über ein Heizsystem. Zum Erreichen einer guten Fleckentfernung wird allerdings oftmals das ökologisch bedenkliche Chlor (flüssige Chlorbleichlauge) eingesetzt.

In Deutschland und in weiten Teilen Europas wurde dagegen auf die bleichende Wirkung des Sauerstoffs gesetzt. Als Quellen für diesen aktiven Sauerstoff werden sogenannte Per-Verbindungen eingesetzt, die während des Waschprozesses zerfallen. Allerdings erfolgt diese Freisetzung bei den üblichen Per-Salzen wie Natriumperborat und –percarbonat erst bei höheren Temperaturen über 50°C.

So wurde schon in den frühen 70er Jahren ein Bleichaktivator entwickelt, Bild niedertemperaturder bei 40°C die Freisetzung des aktiven Sauerstoffs auslöst und somit aus-gezeichnete Bleichergebnisse erzielte. Hinter der einfachen Abkürzung TAED verbirgt sich ein relativ komplizierter Name einer chemischen Verbindung: Tetraacetylethylendiamin.

In den USA hat es bezüglich der Aktivierung der Per-Salze interessanterweise eine andere Entwicklung gegeben. Da hier die Waschtemperaturen im Haushalt traditionell noch tiefer sind als in Europa – viele amerikanische Waschmaschinen haben noch nicht einmal ein Heizsystem - wurde auch ein anderes Aktivierungssystem entwickelt. Unter der Abkürzung NOBS verbirgt sich eine Verbindung, die strukturell ganz anders aufgebaut ist wie TAED, aber letztlich die gleiche Wirkung erzielt: bleichen bei niedrigen Temperaturen.

Manche mögen sich in noch an das erste Waschmittel mit „TAED System" erinnern, das ein bekannter deutscher Hersteller in den 70er Jahren auf den Markt brachte. Dieses System revolutionierte den Waschprozess im Haus-haltsbereich und machte auch im professionellen Bereich nicht Halt.

Dort werden verschiedene Sauerstoffquellen benutzt. Zum einen kommen die oben erwähnten Per-Salze zum Einsatz, wobei Perborate in Deutschland aufgrund einer neuen Gefahrstoff-Einstufung nicht mehr Verwendung finden. Alle Produzenten haben nur noch das ökologisch unbedenkliche Percarbonat in ihren Vollwaschmitteln eingebaut.

Andere, sehr häufig im Profi-Bereich anzutreffende Sauerstoffverbindungen sind Wasserstoffperoxid und Peressigsäure; beides flüssige Produkte, die sich über automatische Dosiersysteme problemlos portionieren lassen. Seit einiger Zeit streben neue Verbindungen auf den Markt, die bei deutlich geringerem Gefährdungspotential ebenso gute Bleichsysteme darstellen.

Zu diesen neuen Verbindungen zählt ebenfalls eine organische Persäure, die sich hinter dem einfachen Kürzel PAP verbirgt. Ausgeschrieben entwickelt sich daraus ein Zungenbrecher: Phthalimido-peroxi-capronsäure. Aber auch diese salzartige Verbindung verliert bei niedrigen Temperaturen Sauerstoff, der dann bleichend und desinfizierend wirken kann. Viele moderne Waschmittel enthalten heute schon PAP als Bleichmittel.

In der professionellen Wäscherei ist aber immer noch Peressigsäure anzutreffen. Auch wenn sie eine recht unangenehm, beißend nach Essig riechende Flüssigkeit darstellt, überwiegen doch die Vorteile. Sie ist nicht nur ein ausgezeichnetes Bleichmittel, sondern wirkt in Kombination mit den richtigen Produkten schon bei sehr niedrigen Temperaturen desinfizierend. Dazu ist sie im Vergleich zu PAP deutlich preiswerter.

Die Wirkung der Peressigsäure macht man sich bei Niedrigtemperatur-Desinfektionsverfahren zunutze. Moderne Systeme arbeiten schon heute bei 30-40°C und erfüllen dabei die strengen Auflagen des Robert-Koch-Institutes zur Desinfektion von Wäsche.

Es ist also mit den modernen Produkten kein Problem, bei niedrigen Temperaturen gute Bleich- und Desinfektionsergebnisse zu erzielen. Aber bleibt dabei nicht die eigentlich Aufgabe einer Wäscherei auf der Strecke, nämlich saubere Wäsche zu produzieren?

Natürlich lässt sich die Physik des Waschens nicht ignorieren und selbst im Zeitalter der Mikrochips besteht immer noch ein direkter Zusammenhang zwischen Mechanik, Zeit, Temperatur und Waschmitteleinsatz. Der wohlbekannte Sinner'sche Kreis behält seine Gültigkeit, auch wenn die Temperatur sich langsam dem Nullpunkt nähert.

Bei weiter sinkenden Waschtemperaturen muss einer der anderen Faktoren automatisch steigen. Aus ökologischen Gründen kann es nicht die Lösung sein, die Waschmittelmenge einfach zu erhöhen. Auch lässt sich weder die Mechanik noch die Waschzeit beliebig erhöhen. Hier ist demnach ein Kompromiss zu suchen, der sowohl die ökologischen als auch die ökonomischen Aspekte berücksichtigt.

Was wäre jetzt das Fazit aus diesen Überlegungen? Sind Niedrigtemperaturverfahren nun ein Segen und hinsichtlich ständig steigender Energiekosten das berühmte Ei des Kolumbus?! Wie immer liegt die Wahrheit in der Mitte!

Die Waschtemperatur sollte natürlich in erster Linie der Gewebeart und dem Verschmutzungsgrad angepasst werden. Die modernen Systeme von heute können schon bei Temperaturen um 40°C sehr gute Ergebnisse erzielen. Einzelne Posten lassen sich sicherlich auch bei 30°C gut behandeln. Hier jetzt aber eine generelle Linie zu ziehen und Verfahren jenseits der 60°C zu verbannen, ist sicherlich falsch.

Ein moderner Betrieb wird auch mit Unterstützung der Hilfsmittelhersteller die Verfahren so optimieren, dass sowohl der Produkteinsatz als auch die Energiekosten gering gehalten werden. Wer nun aber porentief saubere Wäsche bei 30°C verspricht, soll dies erst einmal an einer ölverschmierten Arbeitshose beweisen.

Im Haushaltbereich geht der Trend klar zu niedrigeren Waschtemperaturen. Allerdings wird diese Energieeinsparung mit zusätzlichem Produkteinsatz erkauft. In vielen Regalen unserer Supermärkte finden sich „Hygieneausrüstungen" oder „Hygienespüler" gegen schlechte Gerüche und Bakterien. Hier wird im letzten Spülbad das nachzuholen versucht, was im eigentlichen Waschgang vernachlässigt wurde.

Auch der Trend in der professionellen Wäscherei geht sicherlich zu niedrigeren Waschtemperaturen. Der am Anfang erwähnte Ausspruch „Je heißer desto weißer" hat schon lange seine Gültigkeit verloren. Waschtemperaturen zwischen 25 - 60°C gehören heute zum Standardprogramm der professionellen Wäscherei. In Ausnahmefällen wird man auch noch spezielle Verfahren finden, die mit höheren Waschtemperaturen arbeiten. Dies wird aber die Ausnahme bleiben, genauso wie Verfahren, die deutlich unter den erwähnten Temperaturen liegen.

Energie und Ressourcen werden durch clevere Wasch- und Rückgewinnungssysteme gespart und nicht nur durch die ständige Reduzierung der Waschtemperaturen. Immerhin will die Wäscherei am Ende seinen Kunden eine einwandfreie und saubere Wäsche präsentieren.